Ich habe gelesen, dass in der Verhaltenstherapie unbewusste Prozesse nicht bearbeitet werden. Stimmt das?
Hier ist es angebracht, den Sprachgebrauch zu klären. Die Attribute 'bewusst', 'unbewusst' oder 'unterbewusst' sind mit der Ausbreitung psychologisch-psychotherapeutischen Gedankenguts in einen inflationären Gebrauch geraten. Die Idee, eine Psychotherapie sei eine 'Arbeit' am (oder mit dem) 'Unbewussten' führt zu einer Fehlkonzeption. Das begreift man, indem man sich fragt, wie wir alltäglich den Ausdruck 'etwas ist unbewusst' auffassen? Nämlich als polaren Gegensatz zu 'etwas ist bewusst'.
Was aber heisst 'sich etwas bewusst sein'? Einmal verwenden wir 'bewusst' im Sinne von 'intentional'. "Heute achte ich bewusst auf dies oder das .... ich mache mir bewusst, dass ... ich behalte im Bewusstsein, dass ..." In all diesen Formulierungen steckt, dass ich etwas 'absichtlich', 'vorsätzlich' und mit 'Konzentration auf' ausführen werde. Im Gegensatz dazu verwenden wir 'bewusst' auch in einem Kontext, in dem uns etwas widerfährt, sich für uns etwas ereignet, ja sich uns zueignet. "Plötzlich wurde mir bewusst, dass ... , obwohl ich schon jahrelang..." Hierin wird 'bewusst' im Sinne von 'etwas fällt mir auf', ich 'bemerke etwas', meine 'Aufmerksamkeit wird angezogen von' verwendet. Ein derartiges 'sich bewusst werden' können wir nicht herstellen, nicht machen, nicht erzeugen, vieleher ereignet es sich, es eignet sich mir zu und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Banaler: 'etwas wird mir klar' .... 'fällt mir auf'. Doch das ist mehr als bloß 'bemerken' oder 'registrieren': "Ich bemerke, dass K wieder auf der Party ist, doch dieses mal wird mir etwas bewusst, das mir noch nie so klar gewesen ist, dass nämlich ..." Freilich können wir nun auch noch sagen, dass das, was 'bewusst' geworden ist, vorher 'unbewusst' gewesen war, doch das ist nicht mehr als ein Spiel mit Worten, das keinen weiteren Sinn ergibt.
Nun können wir uns aber nicht vorsätzlich etwas 'bewusst' machen, das sich uns auf einmal, also spontan zueignet, weil wir weder die Umstände der Zueignung, noch den Inhalt dessen, was sich uns zueignet, noch den Zeitpunkt erzeugen können! Und deshalb können wir am 'Unbewussten' auch keine 'Arbeit' verrichten. Ein Satz wie dieser ergibt keinen Sinn, ist Unsinn. Das 'Unbewusste' ist kein Stein, aus dem wir eine Figur herausmeiseln, das 'Bewusstsein' ist keine Entität, die einer anderen Entität, dem 'Unbewussten' irgendetwas entlocken oder gar entreißen könnte! Die Idee, dass wir uns durch gutwillige Anstrengung etwas 'bewusst' machen können, ist ein Fehlschlag, und der Versuch 'Bewusstwerdung' zu trainieren ebenfalls. Die Fertigkeit im Klavierspielen lässt sich allerdings trainieren.