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Abgrenzung: Ein Nein, das kein Nein ist, ist eben kein Nein!
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Das "Nein"
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Das deutsche "nein" hat vier Buchstaben und damit zwei mehr als das deutsche
"ja". Doch allein an den zwei zusätzlichen Buchstaben kann es nicht liegen, dass so viele Menschen mit dem Aussprechen des Wortes "nein" so beachtliche Schwierigkeiten haben.
Manche erwecken sogar den Eindruck, dass sie das Vier-Buchstaben-Wort aus
ihrem Sprachschatz verloren haben, weil sie jedesmal verbale Umleitungen
sprechen, wenn das "nein" gesagt werden müsste. Nein heisst "halt!",
"stop!" Wer "nein" sagt, setzt eine Grenze.
Wer sich nicht abgrenzen kann,
ist meist auch nicht fähig, deutlich zu sagen, was er möchte.
Uns allen fällt
es nicht leicht "nein" zu sagen. Und wie machen Sie es? Sagen auch Sie ja, wenn sie eigentlich
nein sagen wollen? Nachfolgend einige Variationen zum diesem Thema, wie sie nur allzu oft
anzutreffen sind.
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Weichreden |
Walter sagt "nein", um sich gleich darauf im Gespräch von Günter
sein "nein" zerreden zu lassen. Walter hat sich sein "nein" nicht zum ersten Mal weichreden lassen.
Wiederholt signalisiert er,
dass seine Ablehnung nicht ernst zu nehmen ist, und zeigt, dass er bereit ist, über
sein "nein" mit sich verhandeln zu lassen. Zu Hause
ärgert er sich zwar darüber, dass er von Günter nicht für voll genommen wird,
doch er ändert sein Verhalten nicht.
Insgeheim hofft Walter, dass Günter endlich mal aufhören werde, sein "nein"
als Verhandlungsgegenstand zu betrachten. Doch dieses Hoffen gleicht dem Warten auf Godot.
Walter könnte zum besseren
Verständnis für Günter mehr sagen als
nur "nein", falls das überhaupt nötig wäre. Er könnte Erläuterungen
geben und die eigenen Gründe
nennen, aber das bräuchte an seinem "nein" nichts zu ändern. Doch Walter will nicht
als Egoist betitelt oder als einer angesehen werden, der andere aus Laune oder Sturheit vor den
Kopf stösst. So wartet Walter weiterhin auf den Tag, an dem ihm spontan ein festes "nein"
entfährt, das, wenn es endlich einmal zustande gebracht ist, die Grenze gegenüber
all den "unverschämten Anforderungen der anderen" markieren soll.
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Hotel Mama |
Eigentlich ist es ja nicht richtig
das mitzumachen, aber 'nein' sagen - das bring' ich
nicht über's Herz! - denkt Anja und startet damit wieder einmal
ihre innere Fahrt auf der emotional-gedanklichen Achterbahn,
die sich rasant steigert, um in einer ziemlichen Konfusion zu enden.
Anja bringt es halt nicht über's Herz
"nein" zu sagen zu Mann, Mutter, Schwiegermutter, Sohn und Tochter, kurz, wenn es
um die wichtigen Dinge im Leben geht. Und weil sie es nicht über's Herz
bringt - was heisst, sie kommt gegen ihr eigenes schlechtes Gewissen nicht
an, wenn sie mal versucht eine Grenze zu ziehen
- ufern die Dinge aus. Jahrelang hofft sie, dass die anderen endlich mal
einsichtig werden und Verständnis dafür zeigen, dass sie eine
Grenze ziehen müsste. Praktisch geht es immer so weiter wie bisher
- nämlich ohne brauchbare Grenze und meist über ihrer Erschöpfung hinaus.
Derweil klingeln abwechselnd das linke und das rechte Ohr.
Sohn Bernie, der sich bequem im 'Hotel Mama' mit seinem Komfort von Gratisküche,
Wäschewaschen und Zusatztaschengeld eingenistet hat, macht im zarten Alter von 30 Jahren
im zweiten Studiengang den dritten Anlauf zum Vordiplom. Und Tochter Irena sagt morgens in der Küche, während ihr Freund schon wartend am Frühstückstisch sitzt: "Mama, könntest Du Dir nicht was anderes anziehen, damit man nicht so die Falten an Deinem Decolleté sieht." Anjas Ehemann kann sich um das Benehmen seiner erwachsenen Kinder "nicht auch
noch" kümmern, ihm reicht der tägliche Berufsstress im Zeitalter der Globalisierung. Es fällt ihm halt nicht leicht eine Familie, ein Haus, einen Hund und einen großen Wagen zu erhalten und auf der Karriereleiter weiter nach oben zu klettern.
Heimlich hofft Anja, eine Grenze ziehen zu können, wenn die, denen eine
Grenze gezogen werden müsste, Verständnis dafür haben und
Anjas gehauchtes "Nein" gut finden. Doch diese Idee ist so erfolgversprechend wie der Versuch, den Pelz
eines Bären zu waschen ohne ihn dabei nass zu machen.
Anjas schlechtes Gewissen, das sich sofort laut meldet, wenn sie lediglich "lieber nicht"
denkt, ist ein miserabler Ratgeber. Aber nicht nur das schlechte
Gewissen meldet sich, sondern auch die Angst, nicht mehr anerkannt
oder gar verlassen zu werden. Denn der Gedanke, allein zu sein auf dieser Welt, führt zum
entsetzlichsten Gefühl, das sich Anja überhaupt vorstellen kann.
Und schafft sie es wirklich einmal "nein" zu sagen, braucht man nur zu antworten:
"Aber niemand kann das so gut wie du!" - und schon schmilzt die Ablehnung dahin, rascher
als der letzte Schnee in der Frühjahrssonne.
Anja hält wenig von sich und gestattet es anderen daher, ihr geringen
Respekt für die Grenzen entgegenzubringen, die sie setzen möchte. Sie
sieht sich in der Position, andere bitten zu müssen, sie möchten doch
auf ihre Grenzen Rücksicht nehmen. Aber die anderen werden sich,
wenn überhaupt, erst dann ändern, wenn Anja gelernt hat "nein"
zu sagen und dabei zu bleiben. Mama ist eben, soweit man blicken kann, das beste Hotel.
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Manipulation
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Ihr braucht mir zu meinem Geburtstag wirklich nichts zu schenken - sagt Oma.
Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, die sich das anhören, beschleicht das Gefühl, dass hier just
das Gegenteil von dem gesagt worden ist, was Oma eigentlich möchte. Die Tochter sagt "ach Mama .."
und der Schwiegersohn unterdrückt sein hochschießendes "verdammt nochmal ...!"
Omas meistens erfolgreiche emotionale Manipulation hat Tradition in der Familie. Sie
erreicht durch ihre Art des Neinsagens bei ihren Kindern
immer wieder ein verstärktes Nachdenken darüber, was sie denn
wirklich wollen könnte. Dadurch bleibt sie - in aller Bescheidenheit -
einige Stunden im Mittelpunkt der Gedankenwelt ihrer Liebsten.
Nachdem diese ihren Besuch beendet haben, zieht Omas "nein"
unerquickliche Verwicklungen nach sich, die nicht selten zu undurchsichtigen
Streitereien führen. Ihre Tochter sagt "ach lass' sie doch, du kennst sie ja und
uns schadet es nicht, wenn wir ...", doch ihr Ehemann ist anderer Ansicht und möchte,
dass endlich mal in die Tat umgesetzt werde, was Oma sagt: "Wie schafft es diese Frau denn
immer wieder, dass wir uns so ausführlich mit ihr beschäftigen, obwohl sie
doch so bescheiden ist und so wenig will?"
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Kommando
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Ernst brüllt sein "nein" so heraus, dass seine Halsschlagadern hervortreten und seine Frau
und seine Kinder die Ohren anlegen.
Sie kommen sich vor wie bei einer militärischen Übung, denn
das "Nein" von Ernst wirkt wie ein Kommando auf einem fiktiven Truppenübungsplatz.
Es gehorcht dem Motto "... wehret den Anfängen ... " und der Anfang, der für
Ernst heraufzieht, ist der der Unterhöhlung seiner Autorität. Seine Frau hat
einige kleinere Einkäufe getätigt, ohne vorher seine Erlaubnis einzuholen. Diese
hätte er ganz sicherlich gegeben, schließlich ist er kein Unmensch und lässt
auch die anderen neben sich leben, doch einfach so, ohne ihn zu fragen, so etwas
darf er nicht durchgehen lassen. Und so brüllt er - im wesentlichen, um
sein Selbstwertgefühl zu stabilisieren.
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Spätzünder |
Robert ist ein Spätzünder auf dem Gebiet des Neinsagens, und wenn
er es schließlich tut, macht er es zögerlich und sehr leise. Von jeher dürfen die
Kinder seiner Verwandten in seinem Vorgarten ungestört auf seinem liebsten Blumenbeet
herumtollen. Robert sieht zu, wie Groß und Klein mit dreckverschmierten Schuhen Spuren im
Flur machen und lässt durchgehen, dass seine Gäste im Wohnzimmer mit erdigen Fußsohlen über
den guten Teppich gehen. Erst wenn Karl-Friedrich, dessen hohl-poltrige Art jedem,
dem er freundlich zwischen die Schulterblätter klopft, die Puste aus der
Lunge jagt, mit seinen dreckigen Bergschuhen
im Schlafzimmer steht, sagt Robert: "Aber Karl-Friedrich,
das finde ich jetzt nicht so gut, was du da machst." Doch Karl-Friedrich
versteht nicht und Taktgefühl hat er auch keines, denn sonst hätte
er bereits das Blumenbeet verschont.
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Erziehung |
Bekanntlich lieben Männer ein Familienleben, das nicht zu anstrengend ist:
Papa, Mama, Sohn (7 Jahre) und Tochter (5 Jahre)
liegen im Schwimmbad.
Papa liest die Sportseite und möchte nicht gestört werden. Mama liegt auf dem Bauch
und verenkt zuerst den rechten, dann den linken Arm, um sich die Sonnenmilch zwischen
die Schulterblätter zu reiben.
Papa ist in seine Sportseite vertieft. Der Sohn öffnet Mamas Tasche und holt die Geldbörse heraus.
Mama sagt: "Aber Enno, wie oft hat Mama dir schon gesagt, dass du nicht an die Geldbörse gehen sollst?"
Der Sohn hört nicht und öffnet die Geldbörse. Mama sagt: "Nein, Enno - nicht den 5 Euro Schein, 2 Euro reichen!"
Der Sohn hört nicht, lässt die Geldbörse offen liegen und stolpert in Richtung Kiosk.
Dabei tritt er Nachbars Bierbecher um, der Mann sagt vorwurfsvoll zu Mama:
"Also nein, kann Ihr Sohn nicht aufpassen?" Mama ruft: "Entschuldigung, er hat es nicht böse gemeint!
Enno pass doch bitte auf!" Enno stolpert weiter. Mama ruft: "Also Enno, wenn du schon ein Eis kaufst,
dann bringt doch bitte eines für deine Schwester mit!" Papa blickt von der Sportseite hoch und sagt zu Mama:
"Wann lernst du endlich mal deine Kinder richtig zu erziehen?"
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Beziehungsdebatte
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Die Beziehungsdebatten zwischen Carla und Udo beginnen, wie ein Brettspiel, mit den gleichen,
eingefahrenen Eröffnungszügen, weiten sich dann aber explosiv aus.
Heute eröffnet Carla das Spiel mit dem Satz: "Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann würdest du..." woraufhin Udo sofort
in ziemliche Schwierigkeiten kommt mit seinem Spielzug. Er könnte bereits hier aufhören,
das tut er aber nicht, weil er sich an die Vereinbarung gebunden fühlt, zusammen mit Carla
gegenseitige Unstimmigkeiten verbal zu klären. Er kann sich nicht erlauben aufzuhören, ohne
lange genug mitgeredet zu haben, was er aber zugleich auch hasst wie die Pest.
Deshalb hat er sich bei seiner Mutter über Carla beschwert, obwohl er weiß, dass der dann
folgende Anruf von seiner Mutter bei Carla
für diese schlimmer ist als ein Besuch bei Teufels Großmutter. Daher eröffnet Carla
- wie unschwer vorherzusehen war -
das Gespräch mit dem Satz: Wenn du mich du mich wirklich lieben würdest ... "
Gewöhnlich erreichen die
Beziehungs-Klärungs-Gespräche, die dann folgen und so ungefähr drei Mal in der Woche stattfinden, nachts um 23 Uhr den
ersten Kulminationspunkt, überschreiten um Null Uhr dreißig den Zenit, um zwischen drei und vier Uhr -
samtags auch zwischen fünf und sechs Uhr - in einer fortgeschrittenen Erschöpfung zu enden. Niemand weiß, wie lange das
noch so gehen wird. Udo sieht unschwer, dass die nachmitternächtliche Realität seiner
Beziehungsgespräche weit vom intellektuellen Anspruchsniveau seiner Doktorarbeit entfernt ist und sich immer
öfters unterhalb der Gürtellinie bewegt. Peinlich auch, dass ausgerechnet ihm das passiert, weshalb er mit niemand
über diese Auseinandersetzungen redet, obwohl sie nun schon in das verflixte siebte Jahr gehen. Die morgentliche
Müdigkeit, das morgentliche Blei in seinen Gliedern und der Brei seinem Gehirn sind fast schon zur Gewohnheit
geworden. Was für ein Glück, dass er wenigstens einen Spezialistenjob hat, von dem außer ihm nur Wenige etwas
verstehen und in den von Seiten der Firma niemand hineinredet. Noch lässt sich das erschöpfte am Schreibtisch
sitzen als tief versunkenes Nachdenken tarnen, aber wie lange noch? Mit starken Befürchtungen über das Ungewisse,
das irgendwann mal passieren wird, sieht er sich innerlich zu, wie seine moralischen Grundsätze, die zu einem
harmonischen Eheleben führen sollen, allmählich zerbröckeln.
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Selbstlosigkeit
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Ein jeder weiß, dass Selbstlosigkeit dann eine echte Tugend ist,
wenn sie ohne offene oder versteckte Gegenforderungen ausgeübt wird. Doch wem gelingt so etwas?
Einzig die echte Mutter Theresa vollbringt selbstlose Taten bereits im Diesseits,
weil sie ihre Lebensziele im Jenseits hat.
Sie arbeitet im Auftrag des HERRN und erwartet daher von den Sterblichen keinen Dank und keine Anerkennung
für das, was sie für sie tut. Wer von den Irdischen nichts erwartet, kann von Ihnen auch nicht enttäuscht werden.
Maria allerdings ist eine unechte Mutter Theresa, weil sie ihre Bedürftigkeit im diesseitigen Lebens
nicht überwunden hat, sie jedoch
den Schein der Uneingennützigkeit unbedingt wahren möchte. Nein zu sagen
liegt ihr fern, die eigenen Bedürfnisse zu formulieren hat sie nicht gelernt und sie waren ihr auch
jahrelang nicht wichtig. In ihrem Herzen schreibt sie eine Rechnung, deren Summe Jahr für Jahr
immer tiefer in die roten Zahlen hineinrutscht. Mit der Länge der unbeglichenen
Rechnungsposten wächst das schlechte Gewissen von Kindern und Ehemann - niemand sagt etwas dazu,
aber jeder ahnt heimlich, dass irgendwann der Tag kommen muss, an dem die Rechnung präsentiert wird.
Neuralgische Punkte, an denen die ersten Einblicksgewährungen in die Rechnung erfolgen, sind
das Ende der Schullaufbahn der Kinder, der Auszug des ältesten Sohnes
und dann ... seine Heirat. Schließlich aber nimmt die Rechnungspräsentation
dramatische Formen an, als nämlich
der Ehemann sich eine Geliebte zulegt. Für diesen Fehltritt wird er den
Rest seines Ehedaseins, welches durchaus noch 20 Jahre dauern kann, im Büßergewand einhergehen.
Naturgemäß ist es umso unwahrscheinlicher, dass eine offene Rechnung beglichen wird, je länger
sie ist und je weiter ihr Datum zurück reicht. Und auch Petrus wird eines Tages an der
Himmelpforte zur unechten Mutter Theresa
sagen: "Es tut mir leid, hier kommt niemand rein, der eine offene Rechnung dabei hat. Du musst
sie in den Schredder neben der Türschwelle werfen."
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