Paniksyndrom (Panikstörung) und ErwartungsangstDie erste AttackeDer Tag war anstrengend; abends sitzen Sie zur Entspannung endlich vorm Fernsehgerät, um sich abzulenken. Da geht Ihr Puls hoch, das Herz rast, der Kreislauf spielt verrückt, Schweißperlen stehen Ihnen auf der Stirn, Ihre Knie zittern, Schwächegefühle durchwandern den Körper und im Kopf bilden sich Nebelschwaden oder Schwindelgefühle. Die wenigen deutlicheren Gedanken, die noch übrigbleiben, sind "um Himmels willen - ich sterbe, ich muss sofort zum Arzt, ich falle um, das halte ich nicht aus ... oder ist das gar ein Herzinfarkt?" Viele ArztbesucheSo oder so ähnlich ist die Grunderfahrung. Erreichen die Leidtragenden nach einer erlittenen Panikattacke endlich den Notarzt, kann dieser meistens nicht mehr viel feststellen. Beruhigungsmittel lindern vorübergehend, gezielt eingesetzte Psychopharmaka nutzen vielleicht eine Zeit lang (vielleicht ist das auch nur ein Placebo-Effekt), schaffen aber keine Problemlösung. Man kann die Panik auch als eine blitzschnell ablaufende, massive Stressreaktion betrachten, doch werden dadurch ihre Eigenheiten nicht klar beschrieben. Der Anfall beginnt "wie aus heiterem Himmel", weil für die Betroffenen kein Anlaß zu sehen ist. Da aus der Umwelt keine Gefahr droht, die die massive Erregung erklären könnte, wird sie notwendigerweise im eigenen Körper gesucht: Viele meinen sodann von einer lebensbedrohenden Krankheit befallen zu sein. Wenn nach eingehender medizinischer Abklärung zur Psychotherapie geraten wird, haben nicht wenige Betroffene eine kleine Odyssee durchs Gesundheitswesen überstanden und in dieser Zeit eine Erwartungsangst ausgebaut. Sie ängstigen sich nun deutlich wegen eigener Vorstellungen, wann und wo die Angstanfälle auftreten könnten und wie scheußlich sie sein könnten oder welche Folgen sie haben könnten. In der Konsequenz werden dann auch Plätze, Kinos, Kneipen, Restaurants, Versammlungen, Konferenzen,Ausflüge, Zug- und Autofahrten gemieden, all jene Orte oder Tätigkeiten also, an denen oder bei denen schon mal eine Panik aufgetreten ist. Doch nicht alle Paniken treten unter bestimmbaren Umständen auf, viele sind eben nicht vorherzusehen. Der Teufelskreis der Angst vor der Panik
Entwicklung![]() Wer einmal einen Panik-anfall erlitten hat, bildet noch nicht notwendig eine Panik-störung (ein Paniksyndrom) aus. Zu einem Paniksyndrom gehört mehr als ein gelegentlich aufgetretener Panikanfall; meist gilt, dass die Situation, in der die Panik auftritt, thematisch vorgebildet ist, was indes nicht heisst, dass die Panik immer am gleichen Ort oder unter ähnlichen Umständen ent- stehen muss. Meist ist nicht leicht zu erkennen, dass in den problematischen Situationen ein Thema virulent wird, das eine längere Entstehungs- geschichte hat und nicht selten schwer zu fassen oder unbewusst ist. Auch führt nicht jede hohe Erregung zu einem Panikanfall, auch dann nicht, wenn die Betroffenen bereits den Teufelskreis der Erwartungsangst ausgebildet haben. Die Idee, dass die Panik das böse Ende einer alltäglichen, jedoch übersteigerten Stressreaktion ist, ist erfahrungsgemäß falsch. Dem Paniksyndrom unterliegt ein recht komplexer Vorgang, der nicht selten auf einer lebenslangen Vermeidungsgeschichte beruht. Vermieden, ausgeblendet und nicht zur Kenntnis genommen werden - bis zum Ausbrechen der Angstattacke - vor allem Unangenehmes aus der Gegenwart und aus der Vergangenheit, dessen Auftreten mit massivsten Angstgefühlen einhergehen würde. Den Betroffenen ist meistens nicht klar, dass die Attacke das späte Ergebnis eines Jahre lang aufgebauten Systems des Ausweichens vor einem meist schwer zu verbalisierenden Konfliktpotential ist, umgarnt von inneren und äußeren Vermeidungsreaktionen, das vielfach mit massiven Trennungsängsten zu tun hat. Könnte man das Leben eines Menschen von oben betrachten wie einen Stadtplan, so würde man vermutlich entdecken, dass die Panik in dem Moment ausbricht, in dem das "Auto des Lebens" in eine Sackgasse gefahren ist. Die ersten Panikattacken haben also bereits eine lange Vorbereitungszeit; sie treten auf, wenn man mit der Kunstfertigkeit des Vermeidens und des den Schwierigkeiten aus dem Weg Gehens an einem Ende angelangt ist. BehandlungDie folgende Skizze mag eine erste Vorstellung vom Sinn einer Behandlung vermitteln, sie ist allerdings keine konkrete Handlungsanleitung und kein Rezept für Selbstheilungsversuche. Zunächst einmal ist zu sagen: Eine Panikattacke zu erleiden heisst, in einen scheußlichen emotionalen Zustand zu geraten, aber er ist nicht lebensgefährdend! Wer ohne weitere Folgen einmal eine Panikattacke hatte, braucht vermutlich keine Psychotherapie. Manche indes bekommen eine Panikattacke und bilden nachfolgend eine lebenseinschränkende Erwartungsangst aus, die dann behandlungsbedürftig sein kann. Hier ist die direkte und aktive Auseinandersetzung mit all jenen Situationen nötig, von denen man befürchtet, dass darin die Panik auftreten könnte. Nicht weglaufen, sondern hingehen ist die Devise. Doch es kommt sehr auf das "gewusst wie" an.So bringt es keinen nachhaltigen Erfolg, eine Situation eine Zeit lang auszuhalten, um sie dann mit einem Gefühl der Erleichterung und einem "Gott sei dank, ich kann jetzt gehen" zu verlassen. Dieser Fehler wird leider allzu häufig gemacht. Es reicht oft auch nicht, dass der rasende Puls runtergeht, vielmehr muss man zu dem Punkt gelangen, an dem man das Gefühl gewinnt, sich seinen Boden (zurück) zu erobern. Die Verbesserungen werden nicht linear eintreten, Rückschläge gehören leider gelegentlich zur Bekämpfung der Symptomatik dazu. Leidet jemand wiederholt unter Panikattacken und hat er/sie bereits Erwartungsängste ausgebildet, so ist eine eingehendere Auseinandersetzung mit der eigenen innerpsychischen Verfassung nötig. Dazu gehört das Erkennen des oft lange schon bestehenden Systems von Vermeidungsreaktionen und die Anerkennung der Tatsache, dass diverse Ängste immer schon unangenehme Begleitung auf den bisherigen Lebenswegen waren, von der man nur ungern etwas wissen wollte. Die Konsequenzen, die aus dieser Einsicht in die eigene Lebensgeschichte zu ziehen sind, motivieren nicht nur zur aktiven Auseinandersetzung, sie machen einem auch erst wirklich klar, dass die Panik kein medizinisches, sondern ein psychisches Problem ist. Hilfreich ist es auch, den Signalwert von Panikreaktionen zu verstehen. Die Attacken sind überdeutliche Verkehrsschilder auf der Straße des Lebens. Sie weisen darauf hin, dass man falsch fährt. Denn es läuft im Leben bereits ziemlich viel schief, wenn es zu einem so kräftigen Signal wie einer Panikattacke kommt. Wer die Ansicht vertritt, sein Leben sei doch ganz in Ordnung, nur leide er/sie dummerweise an sich wiederholenden Panikattacken, macht sich schlichtweg etwas vor. Doch man muss lernen, richtig zu verstehen, worauf dieses Signal hinweist. Wie man besser "auf der Straße des Lebens" fährt, steht von vornherein nicht fest. Der Entwurf für ein besseres Leben braucht Kreativität und einem gewissen Mut zur Neuerung, braucht also Gegensteuerung zum alteingefahrenen System des Vermeidens. © 2002 - 2011 by Dr. Wolfgang Palm * www.wopalm.com * Kopieren nur mit Zustimmung des Autors * Letzte grundlegende Überarbeitung: Januar 2011.
|