Soziale Ängste und Soziale Phobien

Kennen Sie das?

Sie sind kein schüchterner Mensch und gewiss kein Menschenfeind, doch dann sollen Sie sich in einer Gesprächsrunde vorstellen. Stuhl für Stuhl rückt die Anforderung an Sie heran und als sie den Nachbarn neben Ihnen erreicht hat, erklimmt Ihre Aufregung einen ersten Höhepunkt: Gleich werden Sie sich versprechen oder es kommt überhaupt kein Wort aus Ihrer Kehle, mit einem Schwupp wird es Ihnen heiß und Sie ahnen schon, dass Ihnen zum x-ten Mal die Röte ins Gesicht schießen wird ... Wenn Sie nur nicht zu diesen verdammten Sitzungen müssten!
Oder Sie betreten ein Restaurant und Sie fühlen sich extrem unwohl, zwei, drei Köpfe drehen sich um, aber Sie haben den Eindruck, das ganze Lokal guckt Ihnen ins Gesicht und sieht, dass Ihnen die Schweißperlen auf der Stirn stehen, oder es kommt Ihnen vor, als würden alle auf Ihre knallroten Ohren starren. Dort hinten steht der Tisch, an den Sie zur Feier geladen sind; dort werden Sie mit einem Sektglas anstoßen müssen und auf diesen Moment ist Ihre Fantasie wie panisch fixiert! Alles in Ihnen sträubt sich dagegen, zu dem Tisch zu gehen, auf dem die Gläser stehen ...
Ihre Hand wird zittern und Sie brauchen zwei Hände, um so ein lächerliches Sektglas ruhig zu halten - und wie sollen Sie das unauffällig hinkriegen? Jedesmal wegbleiben geht nicht, denn wie wollen Sie bei dauernder Abwesenheit von sozialen Anlässen zu einer Karriere kommen? Wie hat es denn begonnen? Vielleicht damals am Bankschalter: Ihre Hand zitterte auf einmal beim Unterschreiben. Mittlerweile ist das Unterschreiben unter den Blicken von Anderen zu einer inneren Qual geworden. Und dann diese immer stärker werdenden Gedanken im Kopf. Wo kommen die eigentlich her? Und wieso werden die immer hartnäckiger? Früher ließen sie sich beiseite schieben oder Sie konnten sich ablenken, aber das will nicht mehr klappen.
Immer stärker drehen sich Ihre Gedanken darum, was die Anderen an Ihnen Störendes bemerken werden und wie ausgiebig sich die Anderen damit beschäftigen werden. Immer öfters fragen Sie sich, was die anderen von Ihnen denken und wie sie Sie einschätzen werden. Oft ist Ihr Kopf ganz voll von solchen Gedanken.

Soziale Phobien

Als Soziale Phobien werden anhaltende Angst- und Vermeidungsreaktionen bezeichnet, die durch soziale Kontakte und / oder durch Leistungsanforderungen aktivert werden. Im Laufe einer ungünstigen Entwicklung wirkt schon das bloße Vorstellen einer solchen Situation angstauslösend. Bei manchen Betroffenen steigern sich die Angstreaktionen bis zu panikartigen Zuständen. Einschränkungen der beruflichen Leistungen und der sozialen Kontakte sind meistens die Folge. Häufig werden die anfänglichen Beschwerden ins späte Jugendalter datiert, ein Störungsbeginn nach dem 25. Lebensjahr ist eher selten.
Bei Männern tritt die Störung überwiegend zum ersten Mal vor dem 20. Lj auf, bei Frauen eher danach. Nur wenige unbehandelte Störungen klingen von selbst wieder ab. Mehr als 2% aller Frauen in der BRD leiden an solchen Beschwerden, unter den Männern sind es weniger als 2%. Die Statistik weist weiter aus, dass Personen mit Sozialen Phobien dreimal so viele berufliche und alltägliche Ausfallzeiten haben, wie solche ohne psychische Störung und 1,5 mal mehr als beispielsweise Diabetiker.

Ablauf der Störung

Die Störung hat einen sich wiederholenden und dabei aufschaukelnden Ablauf. Er beginnt mit der angespannten, ängstlichen Erwartung, dass zu einem bevorstehenden kritischen Zeitpunkt eine gefürchtete soziale Begegnung stattfindet und / oder eine befürchtete Leistung erbracht werden muss. Beispielsweise ist man zu einer Party des Chefs eingeladen worden, die in zwei Wochen stattfindet oder es steht in drei Wochen ein Prüfungstermin bevor. Die Erwartungsangst wird oft so stark, dass die Betroffenen dann in der gefürchtete Situation die sich unmittelbar zwischenmenschlich abspielenden Ereignisse überhaupt nicht mehr wahrnehmen, weil sie völlig auf ihre körperlichen Symptome fixiert sind, bzw. darauf, deren Erscheinen zu verhindern (Schweißausbrüche, Händezittern, Rotwerden, Versagen der Stimme und starke Nervosität). Sind die Symptome aufgetreten, werden oft vertuschende Reaktionen ausgeführt ( "Ach ist es hier heiß, können wir mal das Fenster öffnen?", "Immer bei der Vorführung versagt dieses Gerät", "Ich muss mittags was Falsches gegessen haben, weil mir so übel ist ..." etc.).
Dadurch entsteht eine Erholungspause, in der die körperlichen Reaktionen vorübergehend abklingen. Doch dann beginnt ein negativer innerer Gedankenprozess ("Was denken die jetzt von mir?", "Wie stehe ich jetzt da?", "Habe mich total blamiert!", "Bin in deren Augen eine Niete" etc.), der von Schamgefühlen beleitet wird ("Wenn bloß ein Loch im Boden aufginge, in dem ich verschwinden könnte ..."), woran sich eine stark negative Selbstkritik anschließt. Während dieser Ablauf den Kopf weitgehend ausfüllt, beginnen viele Betroffene einen möglichst unauffälligen Abgang aus der Situation vorzubereiten. Diese Flucht macht indes die Dinge nicht besser, sondern schlechter, weil nach jeder Flucht die Erwartungsangst vor dem nächsten Mal stärker wird und in der Folge sich die inzwischen längst schon etablierten Vermeidungsreaktionen verstärkt bemerkbar machen ("Am besten gehe ich da nicht mehr hin, zu Hause fühle ich mich sowieso immer am wohlsten ..."). Je öfters dieser negative Prozess abläuft, desto mehr werden die sozialen Betätigungen und Begegnungen eingeschränkt.

Scham, Selbstabwertung und Gedankenabläufe

Mehr oder weniger heftige Schamgefühle begleiten den Ablauf selbstkritischer Gedanken. Die Scham, diese Mischung aus Gefühlen und Gedanken, ist ein rückbezüglicher, verschachtelter Gefühlsablauf. Sie tritt auf, weil etwas nach außen dringt, das von anderen negativ bewertet werden kann, und das deshalb besser innerhalb der Grenzen der eigenen Kontrolle bleiben sollte, beispielsweise die roten Flecken am Hals oder die nassen Hände. Diese Symptome lassen sich nicht per Willensanstrengung abstellen. Dennoch versuchen die Betroffenen immer wieder die körperliche Erregung in den Griff bekommen, was sich zum kritischen Zeitpunkt jedesmal erneut als illusorisch erweist. Es könnte vielleicht gelingen, hätte man etwa 10 Jahre lang buddhistische Meditationstechniken eingeübt. Die physiologischen Reaktionen, die man nun jedesmal wiederum nicht im Griff hat, werden als weithin erkennbare Zeichen einer Blamage, eines Versagens oder einer Niederlage gewertet. Diese "Niederlage" löst einen Strom negativer Gedanken darüber aus, wie einem die anderen sehen, was sie über einem denken und wie sie einem bewerten. Manchmal treten solche Gedanken so massiv auf, dass sie zu Gewissheiten werden, obwohl die darin steckenden Behauptungen niemals überprüft worden sind. Nach einigen dieser schamhaften Selbsterfahrungen baut sich eine starke negative Erwartung auf, die sich auf eine Vielzahl sozialer Situationen ausbreitet.
Die negative Erfahrung verstärkt wiederum die Überwachung der eigenen körperlichen Reaktionen, wobei die tatsächlichen sozialen Interaktionen kaum oder verzerrt wahrgenommen. Schließlich ist das ganze Denken manchmal nur noch darauf eingeschränkt, eine Technik zu finden, mit der man sich einigermaßen unbemerkt durch die kritische Situation manöverieren kann. Genau dieses Sicherheitsverhalten, beispielsweise die Ausreden, die eine Flucht vorbereiten, ist aus der Sicht derer, die ebenfalls anwesend sind, meist völlig unangemessen und verwunderlich. So ist es der merkwürdige Abgang aus der Situation, der Anderen auffällt und im Gedächtnis bleibt, und nicht die physiologische Reaktion, die einem Betroffen als das Auffälligste vorkommt.
Nebenbei: Die Sozialphobische Störung ist keine Hemmung. Bei einer Hemmung kann man nicht ausdrücken, was man ausdrücken möchte. Die sozialphobische Reaktion hingegen entspringt einem automatisierten Vorgang nach dem Motto: "Ich richte mich nach dem, was ich meine, dass die Anderen über mich meinem!" Alkohol wird oft zum Helfer gemacht, weil er in schwachen Dosen erregungsmindernd wirkt. Doch oft hilft auch der Gedanke, dass die Anderen ebenfalls trinken, woraufhin man annimmt, dass sie einem nicht mehr so genau beobachten.

Das A-B-C der sozialen Phobie

TeufelskreisModellhaft kann der Ablauf der Störung in drei Phasen gegliedert werden, die das A-B-C eines Teufelskreises (der sozialen Phobie) bilden, der von einem vierten Faktor, der Erwartungsangst in Schwung gehalten wird. Den Anfang bilden die eigenen physiologischen Veränderungen (A), von denen man aus Erfahrung bereits weiß, dass sie zum kritischen Zeitpunkt auftreten werden. Diese körperlichen Veränderungen können von Umstehenden wahrgenommen werden (B); es spielt keine Rolle, ob das so ist, oder ob die Betroffenen lediglich annehmen, dass es so sein könnte. Denn zum kritschen Zeitpunkt ist diese Unterscheidung null und nichtig, weil das emotionale Angstsystem den Verstand lahmlegt. Ebenso nichtig ist die Unterscheidung zwischen befürchteter negativer Bewertung durch die Umstehenden oder tatsächlich vorgenommener, denn es regiert der übertriebene Affekt und nicht der Verstand. Zum kitischen Zeitpunkt erweist sich der Verstand ofmals als ein hilfloser Steuermann. Daher können die Betroffenen auch nicht wirkungsvoll zu sich sagen: "Was soll's? Egal wie mich die Anderen sehen und bewerten, es braucht mich nicht zu kümmern!" Ihr eigenes Bewertungssystem verhindert dieses. Für sie ist es "schlimm" und "fürcherlich", dass sie von den Umstehenden negativ bewertet werden können. Zudem regiert in ihnen eine Soll-Forderung, wonach derartige negative Fremd-Bewertungen auf keinen Fall auftreten dürfen (C)! Der Unterschied zwischen den Soll-Forderungen und den innerlich erlebten Ist-Zuständen ist himmelschreiend, und so wird aus dem Ablauf ein Problem, das durch die sich rasch aufbauende Erwartungsangst fortlaufend in Schwung gehalten wird.

Therapie

Die Behandlung der Beschwerden bei Sozialer Phobie unterscheidet sich von der orts- oder objektbezogener Phobien. Bei letzteren hilft sozusagen die Natur des physiologischen Erregungsablaufes mit: Die unangenehme Erregung, die sich bis zur Panik aufschaukeln kann, wird nämlich bei anhaltender Konfrontation mit den unangenehmen Auslösern immer geringer. Nicht so bei den Ängsten, die in sozialen Begegnungen eskalieren. Hier spielt die physiologischen Erregung zum kritischen Zeitpunkt eine eher kurze und untergeordnete Rolle; bedeutend sind das Schamgefühl und die kognitiven Prozesse (C). Beide adaptieren jedoch "von Natur aus" nicht auf die Weise, wie es die Erregungen bei einfachen Phobien und Agoraphobien tun. Daher führen Durchhalteappelle in kritischen Situationen vielfach nicht zu einer befreienden Erfahrung.

Was die Einstellung zur Behandlung betrifft, so muss deutlich gesagt werden: Es gibt keine Methode, welche die unerwünschten physiologischen Reaktionen zum kritischen Zeitpunkt garantiert ausbleiben lässt. Umgekehrt, eine Verbesserung der Beschwerden wird erst dann eintreten, wenn man damit aufhört, die vor Ort unerwünschten physiologischen Reaktionen in den Griff bekommen zu wollen. Denn die dauernden Kontrollanstrengungen zum Verbergen der unerwünschten physiologischen Reaktionen halten die Schwierigkeiten aufrecht und kurbeln sie an; dieser Art Lösungsversuche treiben den Teufel mit dem Belzebub aus, d.h. sie bringen die Schwierigkeiten, die beseitigt werden sollen, erst so richtig in Schwung.
Allerdings ist die Vorstellung vom Gegenteil, nämlich zum kritischen Zeitpunkt so ganz ohne Sicherheitsverhalten dazustehen, für viele Betroffene ein Signal zum Wegbleiben, d.h. und zum Vermeiden sozialer Begegnungen. Doch wenn man mit dem Sicherheitsverhalten aufhört, so heisst das noch lange nicht, dass Wegbleiben die einzig mögliche Alternative ist.

Drei Ziele

Sinnvolle Veränderungsziele sind die Verschiebung von Aufmerksamkeit und Kontrolle, der Aufbau hilfreicher kognitiver Prozesse und die Immunisierung gegen das Schamgefühl. Alle drei Vorgänge unterstützen einander und bauen einander gegenseitig auf.
Nach den gefürchteten Erlebnissen kommt es darauf an, die Kontrolle über die negativen Kognitionen zu gewinnen - und nicht über die physiologischen Abläufe. Dazu können die kompensatorischen Handlungen durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Sie verschaffen eine Auszeit, die genutzt werden kann, um sich innerlich auf eine neuartige Auseinandersetzung mit der Situation einzustellen.
Veränderungen gelingen meist erst nach einer Einstellungsänderung, die den Umgang mit den eigenen negativen Gedanken und Gefühlen betrifft. Dazu ist es nötig mit dem inneren Kampffeld aufzuhören, auf dem es um Sieg oder Niederlage im Ringen mit den eigenen Schamgefühlen oder den negativen Gedanken geht. Hilfreiche Kognitionen entstehen als etwas Neues neben den alten Abläufen, sie bedürfen einer guten inneren Stimme, die nicht destruktiv-kritisch, sondern verständnisvoll mit dem in Not geratenen eigenen Selbst verfährt. Deren Aufbau gelingt nicht von heute auf vorgestern, sondern bedarf der Geduld und der fortgesetzten Übung.

Hinweis

Sehen Sie bitte davon ab, per Email um eine detaillierte Behandlungskonzeption für Ihren speziellen Fall nachzufragen. Haben Sie Verständnis dafür, dass ich auf diesem Weg keine Stellung dazu nehmen werde. Zur Klärung von Behandlungsfragen melden Sie sich bitte telefonsich bei meiner Praxis an.

© 2004 - 2011 by Dr. Wolfgang Palm * www.wopalm.com * Kopieren nur mit Zustimmung des Autors * Letzte Durchsicht: Januar 2011